Geschichte

Amiga – Die Computerlösung für Millionen

In einem Zeitalter als das Internet noch ferne Zukunft darstellte und gerade einmal die Teile 4-6 des Star Wars Universum an die Öffentlichkeit gedrungen waren, gab es in den heimischen Zimmern der Jugendlichen oftmals noch eine weitgehend elektronikfreie Zone. Der Commodore 64 hatte einen wahren Siegeszug angetreten in den 80er Jahren, war aber am Ende seiner Blüte angekommen. Die gerade erst ins Leben gerufene Spielergeneration sehnte sich nach besseren, schnelleren Lösungen und ein neues Gerät, das alles bisher dagewesene in den Schatten stellen würde. Der Commodore Amiga stellte dieses Gerät von der Mitte der 80er Jahre bis in die frühen 90er dar und war besonders beliebt als Heimcomputer, der für die damalige Zeit ausgeprägte Multimediamöglichkeiten besaß.

Der Amiga steigt nach dem Ausstieg ganz groß ein

Der geistige Vater des Amiga war Jay Miner. Er hatte bis in die 80er Jahre hinein bei Atari gearbeitet und war dort bei der Entwicklung der Spielekonsole Atari 2600 und der Heimcomputer Atari 400 und Atari 800 beteiligt. Miner stieg aber aus und gründete mit HiToro ein eigenes Unternehmen, das dann im weiteren Verlauf zur Amiga Corporation wurde. Amiga produzierte zunächst Spielmodule und Controller für den Atari 2600 und damit blieb Miner eng mit seinem ehemaligen Arbeitgeber verbunden. Schon zu diesem Zeitpunkt war eine eigene Spielekonsole und auch ein Heimcomputer geplant, der unabhängig von Amiga sein sollte.

Atari hatte damals ganz eigene Pläne mit dem Amiga. Er sollte als Nachfolger der XL-Computer aufgebaut werden, die inzwischen auf dem Markt veraltet waren. Das Projekt erhielt bei Atari damals den Decknamen „Lorraine“ (Lothringen), um die Konkurrenz nicht auf die Weiterentwicklung aufmerksam zu machen. 1984 schließlich wurde der Amiga von Commodore zu einem sehr hohen Preis gekauft, was am Ende dazu führte dass Commodore in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten hineinschlitterte.

Die Präsentation des Amiga 1000 als neuestem Modell war dann an Superlative geknüpft. Der weltbekannte Popart-Künstler Andy Warhol machte sich an dem Gerät zu schaffen und färbte ein gerade zuvor entstandenes Foto der Rocksängerin Deborah Harry am Amiga nachträglich ein. Diese Demonstration sollte zeigen, was die neue Maschine alles zu leisten im Stande ist. Besonders die Konkurrenten MacIntosh, IBM PC und Atari ST sollten vor Neid erblassen. In Deutschland gab es eine ähnliche Veranstaltung, die in der Alten Oper in Frankfurt am Main von Frank Elstner moderiert wurde.

Der Amiga stellte die wichtigste Entwicklung von Commodore zum Heimcomputer dar. Es gab eine ganze Reihe von Features, die auf heutige Entwicklung hindeuten sollten. So hatte der Amiga 1000 erstmals eine Multitasking-Funktion, die den Weg zum heutigen Multiprocessing ebnete. Als Kaufargument für die Endkunden galt auch die Kompatibilität mit dem IBM-PC. Die Nutzung von MS-DOS wurde ermöglicht neben dem Amiga Betriebssystem. Die Keyboard-Garage war eine Neuheit beim Amiga 1000, auf bei den Folgemodellen wieder verzichtet wurde. Sie verhinderte, dass das Keyboard standardmäßig bestückt wurde.

Die Weiterentwicklung der Modelle mit höchsten Zielvorstellungen

1987 wurden der Amiga 500 und der Amiga 2000 als Weiterentwicklungen eingeführt. Nachdem der Amiga 1000 in seiner Nutzung nicht genau definiert war, sollte sich dies nun ändern, um den Kunden deutlicher zu machen, in welchem Umfeld die Geräte nutzbar waren. Der Amiga 500 sollte der Nachfolger des legendären Commodore 64 werden und wurde zu einem Kultobjekt und zum bestverkauften Amigagerät überhaupt. Der Amiga 2000 war die professionellere Variante und erhielt 1988 noch eine zusätzliche Weiterentwicklung zum Amiga 2500/UX, auf dem ein UNIX-Betriebssystem laufen konnte. Vom technischen Standard her waren beide Geräte aber nahezu identisch.

Der Amiga 3000 aus dem Jahre 1990 hatte erstmals das amigaeigene Betriebssystem AmigaOS 2.0 mit an Bord. Er erschien in einer Desktop- und einer Towervariante und beherbergt zahlreiche Neuerungen, die auch heute in modernen PCs zu finden sind.

Der Amiga 500 Plus und der Amiga 600 wurden Nachfolgemodelle des Amiga 500, entwickelten sich aber zu kommerziellen Fehlschlägen. Die Geräte waren fast identisch mit dem Amiga 500 und dabei deutlich teurer. Das konnte dem Kunden nicht verkauft werden.

Diese fehlgeschlagene Strategie wurde schnell korrigiert, als 1992 der Amiga 1200 und sein professioneller „Bruder“ Amiga 4000 auf den Markt kamen. Der Amiga 1200 war erfolgreich und ein würdiger Nachfolger für den Amiga 500, auch wenn er dessen Verkaufszahlen nicht erreichen konnte. Der Amiga 4000 war ein neues Bürogerät, das mit einem schnellen Prozessor ausgerüstet war und noch zahlreiche Erweiterungsmöglichkeiten bot.

Mit großangelegter Fernsehwerbung versuchte Commodore in den frühen 90er Jahren den nächsten Coup zu setzen. Amigavision sollte Einzug in die Wohnzimmer der Nutzer halten und ein Multimediagerät darstellen. Um ein CD-ROM-Laufwerk erweitert, sollte dieser Amiga ein CDTV-Gerät leisten, mit dem die Nutzer erste Verschmelzungen von Computer und TV-Gerät erfahren sollten. Die Orderzahlen waren gut, aber Commodore konnte kurz vor dem eigenen Kollaps nicht mehr genügend produzieren, sodass das Gerät sich nicht etablieren konnte.

Mit Erweiterungen in das große Glück des Heimcomputers

Die große Stärke der Modelle Amiga 2000/3000/4000 war die Erweiterbarkeit. Die Prozessoren konnten ausgetauscht und so erheblich verschnellert werden. Auch zusätzliche Laufwerke konnten die Funktionalität erheblich verbessern. Jeder User konnte seinen Heimcomputer nach den eigenen Vorstellungen und den finanziellen Möglichkeiten zusammenstellen. Sogenannte Turbokarten enthielten Prozessorvarianten, die entweder schneller oder ganz und gar vom Originalprozesssor abweichend waren.

Die Entwickler hatten in hohem Maße die Möglichkeit sich bei den Amiga-Geräten zu verwirklichen. Die Kunden goutierten dies mit massiven Käufen und einer Ikonisierung des Geräts. So haben sich mehrere Entwickler durch die installierten Programme quasi unsterblich gemacht. Und das auch immer wieder mit einer gehörigen Portion Humor. Wenn man mit dem Programm Discdoctor eine Diskette bearbeitete, von der nur ein Teil wieder hergestellt werden konnte, so erhielt diese Diskette den Namen Lazarus. Auch befindet sich eine Hommage an die Band B-52s im Inneren des Geräts, wo durch die Aufschrift „B52S/ROCKLOBSTER“ auf einen bekannten Song der Band verwiesen wird. Auch durch diese Anspielungen wird der Amiga zu einem Gerät seiner Zeit und seiner Epoche. In den besten Phasen hatte der Computer einen Status, wie eine sehr bekannte Persönlichkeit. Eine ganze Generation ist mit den Produkten von Commodore aufgewachsen und hat den ersten Zugang zu Personal Computern genossen.

Gaming mit dem Amiga als nostalgisches Vergnügen

Während die Spiele des Amiga 500, der die Kinderzimmer überflutete, an heutigen Standards gemessen weniger als unspektakulär sind, so waren sie teilweise Trendsetter und sind durchaus als epochemachend zu bezeichnen. „Mindwalker“ wird oft als erstes Amiga-Spiel bezeichnet, da es dem Amiga 500 in der Verpackung beilag. Aber es dauerte eine Weile, ehe die Schlagzeilen auf die Spiele ausfielen, die die Kapazitäten des Systems tatsächlich nutzen konnten. „Defenders Of The Crown“ war so ein Spiel. Es besaß eine überragende Grafik und konnte die Spieler vor die Amiga-Bildschirme holen. „Shadow Of The Beast“ kam 1989 heraus und verwendete das Parallax-Scrolling, durch das ein ruckelfreies Spiel durch mehrere Grafikebenen möglich war. Dadurch hatte der Amiga die Messlatte hoch angesetzt für die Spiele der Konkurrenten. „Maniac Mansion“ und „Kick-Off“ entpuppten sich als echte Kassenschlager und brachten viel Spiel-Spaß. Die Popularität von Sport- und Managerspielen nahm noch einmal zu, als sich „Bundesliga Manager Professionell“ zu Beginn der 1990er Jahre über 100000 Mal verkaufte. „Wing Commander“ und „Indiana Jones And The Fate Of Atlantis“ gehörten zu den letzten Hits, die für den Amiga produziert wurden. Die Stückzahlverkäufe sanken drastisch Mitte der 90er und parallel beschritt die PlayStation von Sony ihren aufsteigenden Siegeszug.

Der Commodore Amiga hat sein Image eines Spielcomputers nie richtig ablegen können. Auch die professionell angesetzten Modelle schafften es nicht wirklich in den Büroalltag, wo man die seriösen IBM-Modelle stets bevorzugte. Dazu kam ein erstaunlich schwaches Marketing von Commodore, dem es nie gelang den Amiga als Bürocomputer in den Köpfen der Kunden zu etablieren. Die Tatsache, dass der Computer bei Jugendlichen zwar sehr beliebt war, die Käufe von Software aber dennoch eher schwächlich waren, lag an dem Fakt, dass auf den Schulhöfen die Raubkopien kursierten und die wichtigsten Softwareelemente meistens gratis in den Amiga gelangten. Es ist von einer Hochkonjunktur der Raubkopien zu sprechen.

Im Büroalltag unterlegen – die Amiga-Leidensgeschichte

Durch die schlechte Bildschirmauflösung konnte der Amiga im Büro zunächst gar nicht eingesetzt werden, da er nicht ohne Weiteres mit den hochauflösenden Monitoren kompatibel war. Ein Zusatzgerät musste zwischengeschaltet werden, was den Aufwand deutlich erhöhte. Commodore entwickelte zwar mit dem Hedley-Monitor ein eigenes Gerät, das sich aber wiederum auf dem Markt wegen des hohen Anschaffungspreises nicht durchsetzen konnte und fast gar keine Verbreitung fand.

Commodore wurde schließlich liquidiert, da das Management krasse Fehler beging. Der Amiga 500 warf eine gewisse Zeit lang große Gewinne ab, die aber nicht in Neuentwicklungen investiert wurden. Das Unternehmen verlor Marktanteile und die Konkurrenz konnte den freigewordenen Raum einnehmen. Trotz hoher Investitionen zum Schluss konnte die Marktposition nicht mehr zurückerobert werden und führte schließlich zum Aus der Commodore-Produkte.

Das bedeutete allerdings für den Amiga noch nicht das Ende. Nachdem sich zahlreiche kleinere Unternehmen der Produktion der Computer und der Hardware annahmen, wurde im Jahr 2000 in den USA Amiga Inc. gegründet, das endlich eine offizielle Fortführung der Produktlinie bedeutete. Der AmigaOne stellt als PC diesen Nachfolger dar. Aber auch diese Produktlinie lief schnell aus und konnte den Erfolg der originalen Amigas nicht mehr wiederholen. Letztendlich blieben nur einige Bauteile übrig, die immer wieder von Unternehmen und Bastlern aufgegriffen wurden. Sie stellen den Rest des Amiga-Erbes dar. Ein Computer, der als Volkscomputer ganz groß herauskommen wollte, am Ende aber gescheitert ist.